Vom Charme der Dimensionen

Neben vielen anderen Größen hängt das Erscheinungsbild eines Bauwerkes auch von den Dimensionen der einzelnen Bauglieder ab .So empfinden wir schlanke Bündelpfeiler einer gotischen Kathedrale als elegant, während uns so manche Säulen von Autobahnbrücken plump vorkommen, weil sie zu“ dick“ geraten sind .Schlankheit ist eben nicht nur in der Mode eine interessante Größe.

Während bis zum achtzehnten Jahrhundert der Ingenieur und der Baumeister in einer Person vereinigt waren, also für Standfestigkeit und Form verantwortlich, gibt es seither eine Aufteilung in Architekten und (Bau)-Ingenieure .Die Zeiten Brunelleschis, der für seine Domkuppel von Florenz auch die Hebezeuge erfunden hatte, um überhaupt seinen Entwurf realisieren zu können, sind eben vorbei.

 Heute entwirft der Architekt ein imposantes Bauwerk, und der Bauingenieur muss dann den (manchmal phantastischen) Entwurf so“ hinrechnen“, dass die Standfestigkeit gegeben ist. Dazu kommen noch die immer strenger (um nicht zu sagen absurder gewordenen) Vorschriften aus Brüssel oder sonst wo her, die die gotischen Kathedralen heute gar nicht entstehen lassen würden.

Seit der Erfindung des Stahls werden die Dimensionen auf einen optimierten, minimierten Stahlverbrauch gerechnet, weil eben das Material teuer ist, während zuvor  bei Steinbauten so lange minimiert worden ist, bis das Gewölbe an den Grenzen der Tragfähigkeit angekommen ist und geborsten ist. Daher hat sich der mittelalterliche Baumeister angeblich unter das Gewölbe stellen müssen, wenn der Schlussstein gesetzt worden ist. Manchmal ist das Gewölbe eingestürzt und der arme Baumeister wurde von seinem eigenen  Werk erschlagen. Da hat man dann gewusst, dass die Dimensionierung nicht richtig  war.

Die Dimensionierung muss auch zweckgebunden erstellt werden. Das Gitter beim Nilpferdgehege in Schönbrunn kann ruhig plump sein, erstens darf das Nilpferd nicht raus und zweitens passt es auch zum Nilpferd, welches ja auch nicht schlank ist. Der Flamingo braucht kein dickes Nilpferdgitter, er ist ja auch viel schlanker und nicht so stark .Form und Funktion sollen also in Harmonie stehen.

Im Zeitalter des Computers ist alles möglich. Der Ingenieur gibt den Belastungsfall ein und der Rechner spuckt die Dimension eines Balkens oder einer Decke aus, wunderbar. Ein guter Bauingenieur weiß aber, dass Balken nicht gleich Balken ist und dass man das für diesen Fall geeignetste statische System wählen kann .E s muss also die Säule der Autobahnbrücke nicht unbedingt dick und plump sein, wenn der Gerätebediener auch sein ingeniöses ( er ist ja Ingenieur ! ) Können kultiviert hat .Nur dann wirkt die Brücke dynamisch, elegant und -- charmant!

 Schaukasten April 2014